Ein Gespräch mit Chani Smith und Ahlam Akram über den zerbrechlichen Weg zu Frieden, Versöhnung und Vergebung

Der Parents Circle, ein Elternkreis-Forum, besteht aus israelischen und palästinensischen Hinterbliebenenfamilien, die sich zusammengeschlossen haben, um eine Botschaft von Toleranz, Dialog und Gewaltlosigkeit zu verbreiten. Diese Organisation ist in Israel und den palästinensischen Gebieten tätig und fördert Frieden und Versöhnung.

Am 5. März 2008 habe ich zwei bemerkenswerte Frauen interviewt, die beide in London leben: Chani Smith, eine Israelin und ehernamtliche Geschäftsführein von Friends of the Bereaved Families Forum UK (FBFF), und Ahlam Akram, eine Palästinenserin, die zum Zeitpunkt des Interviews ihre Vertreterin war. Das FBFF unterstützt den Parents Circle in ihren vielen Projekten, indem es Mittel für sie sammelt und das Bewusstsein hier in Großbritannien für die Bedeutung der Zusammenarbeit für den Frieden schärft. Beide Frauen glauben, dass der tragische Verlust von Menschenleben nur durch das Einfühlungsvermögen beider Seiten und die Achtung vor dem Schmerz und der Würde des anderen ein Ende finden wird. Ihre Organisation ist nicht politisch; sie glauben fest an die Menschenrechte sowohl der Palästinenser als auch der Israelis.

Die Hauptarbeit dieser Graswurzelorganisation besteht darin, den Konflikt zu “menschlich zu machen” – jeder Seite zu helfen, den Schmerz der anderen zu verstehen und Frieden und Versöhnung zu fördern. Sie glauben, dass dies im Interesse beider Gemeinschaften liegt. Ihr Ausschuss besteht aus Palästinensern und Juden, die gemeinsam an einer gewaltfreien Lösung des Konflikts arbeiten.


CHANI SMITH

Erzählen Sie mir über Ihre Arbeit in Großbritannien.

Chani: Eines der ersten Dinge, die wir nach der Gründung des Friends of the Bereaved Families Forum veranlassten, war das Konzert “Opening Hearts” mit arabischen und israelischen Musikern. Ein Teil des Konzerts bestand aus ganz klassischer Musik und der andere Teil der Musik wurde bewusst nach ihrer Botschaft ausgewählt, zum Beispiel “Shouts Across the Wall”, das auf der Grenzziehung innerhalb eines Dorfs im Norden von Israel, einem „halbierten“ Dorf an der syrischen Grenze, basiert. Die Menschen versuchten zu kommunizieren, indem sie über das Tal schrien. Außerdem las Judith Stephenson einige palästinensische und israelische Gedichte.

Ahlam: Nichts wird uns davon abhalten, diese Botschaft weiterzugeben, egal was passiert.

Ein Großteil meiner aktuellen Arbeit dreht sich um Vergebung. Wie ist Ihre Einstellung zu Vergebung?

Ahlam: Es geht darum, welche spirituelle Ebene man erreichen kann, um loslassen oder vergeben zu können, um weiterzumachen. Du solltest vergeben und verzeihen, auch wenn du es vielleicht nie vergessen wirst. Wir müssen jedoch zum Wohle der Menschheit weitermachen, und wir können nicht weitermachen, ohne zu vergeben. Wenn du es nicht tust, ist dies eine sehr negative Energie, die dich von innen heraus auffressen wird, sie wird dich in deinem Leben in vielerlei Hinsicht für Dinge blind machen, nicht nur in dir selbst, sondern auch mit anderen und mit deinen Beziehungen, und besonders, wenn du eine Familie hast usw. Die Entscheidung zu vergeben muss von allen Seiten getroffen werden, damit sie gefestigt ist und die Person diesen Schritt machen und über sich hinausgehen kann.

Ich würde gern idealistisch sein und ich würde gerne die reine Menschlichkeit propagieren, aber ich muss auch realistisch sein. Das Wichtigste in diesem „Weitergehen“, in der Vergebung, oder wie auch immer wir es nennen, ist meiner Meinung nach die Identifikation mit der Menschlichkeit des anderen und darin, die Wahrheit über das vergangene und gegenwärtige Leiden auf beiden Seiten auszusprechen. Es gibt Zeiten, in denen ich mich mehr auf Chani verlassen will, und es gibt Zeiten, in denen ich mich revanchiere und sie sich auf mich stützen kann, also müssen wir manchmal das Sprachrohr des anderen sein, um Vernunft und Weisheit in der Welt zu verbreiten. Denn das ist das Niveau, auf dem ich mich bewegen möchte. Ich habe dieses Niveau persönlich erreicht, ich habe dieses Niveau der Offenheit und Offenheit mit allen Menschen, mit denen ich arbeite, erreicht. Wenn wir nicht mutig genug und ehrlich genug in uns selbst sind, um uns aufeinander zu verlassen, diese Botschaft weiterzugeben, unsere Botschaft weiterzugeben, dann werden wir immer stecken bleiben. Es reicht nicht aus, unsere Botschaft, um Frieden zu bitten, nur an Chanis Volk weiterzugeben, ich richte die gleiche Botschaft an mein Volk, vielleicht auf eine andere Weise, aber es ist die gleiche Botschaft, nämlich dass ich ihre Rechte verteidige und ihr Leiden verstehe. Man ist wirklich dem Wind aus allen Richtungen ausgesetzt und man muss versuchen, das Gleichgewicht zu halten –leider verliert man manchmal nur auch sein Gleichgewicht.

Chani: Ich unterstütze wirklich alles, was Ahlam sagt. Sie ist sehr leidenschaftlich und sehr ehrlich. Ahlam hat viele, viele Male Kopf und Kragen riskiert, vor allem in ihrer eigenen Gemeinschaft, und wir haben in unserer eigenen Gemeinschaft viel Arbeit vor uns, Klischeevorstellungen abzubauen und darauf zu bestehen, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Mein persönliches Fazit ist, dass Frieden nur dann entstehen wird, wenn wir ihn gemeinsam schaffen. Irgendwann wird es von allen kommen müssen, sowohl von der Basis als auch von den Politikern. Die Politiker können nichts tun, es sei denn, es gibt genügend Menschen an der Basis, die zusammenarbeiten und sagen, dass es einfach unmöglich ist, dass wir auf zwei Seiten des Zauns getrennt leben, mit einem Zaun zwischen uns.

Ahlam: Oft hatte ich das Gefühl, dass ich völlig isoliert bin. Egal wie sehr man vorankommen möchte, man dürstet nach seinen Wurzeln. Ich habe meine Grenzen in jeder Hinsicht überschritten. Nicht, weil ich klug bin, sondern weil meine Umstände und Erfahrungen anders waren und es mir ermöglicht haben, zu reifen und zu wachsen. Meine Erfahrung unterscheidet sich von denen, die jeden Tag mit der Besatzung zu tun haben.

Ahlam, könnten Sie mir etwas über sich selbst erzählen, und wie Sie zurArbeit mit dem Forum gekommen sind?


AHLAM AKRAM

Ahlam: Eine Sache kann ich wirklich sagen: Ich wollte schon immer Frieden. Ich habe mit Friedensgruppen gearbeitet, und ich dachte, ich verstehe nicht viel, und die anderen, die die Sprache besser beherrschen, können besser sprechen als ich, ich unterstützte einfach den Frieden. Diese Einstellung hat sich durch zwei Erfahrungen gewandelt: einmal als ich den Friedenspark in Hiroshima besuchte und die Statue einer Frau sah, die ihren Sohn trug, während beide in Flammen standen. Bei diesem Anblick stand ich da und weinte um all die Frauen und gab mir das Versprechen, dass ich gegen Krieg und Leid kämpfen werde, wo immer es auf dieser Welt ist. Und zweitens als ich eine Lesung im Namen von Dr. Nurit Peled Elhanan, einem israelischen Professor, hielt, der seine 13-jährige Tochter Smadar bei einem Selbstmordanschlag in Jerusalem verlor. Das hat mich zu 100% überzeugt, dass dies die einzige Sprache für den Frieden ist – die Herzen durch diejenigen zu erreichen, die die wertvollsten Menschen in ihrem Leben verloren haben.

Als die Intifada begann, die Intifada zu militarisieren, ging dies über meine Vorstellungskraft hinaus. Ich betrachtete es als die schlimmste Botschaft, die wir dem israelischen Volk und der Welt vermitteln können, und ich habe mich völlig öffentlich gegen die Militarisierung der Intifada ausgesprochen. Ich habe immer wieder das Recht der Palästinenser auf Widerstand betont, innerhalb der Grenzen der Besatzung, aber vorzugsweise als gewaltfreien Kampf. Denn, sehen Sie, es gibt eine Besatzung, und das Schlimmste ist, dass diese Besatzung unsere Seelen wie zwei unterschiedliche Menschen in Beschlag nimmt.

Was meinen Sie damit?

Ahlam: Ich meine, dass es sowohl die Seelen des jüdischen als auch des palästinensischen Volkes in Beschlag nimmt. Es vernichtet das, was von unserer Menschlichkeit übrig geblieben ist. Es gibt nach dem Holocaust ein Element von Angst in der jüdischen Psyche. Der Holocaust ist ein absolutes Verbrechen gegen die Menschheit, es hätte nie zugelassen werden dürfen und niemals wiederholt werden dürfen, und wir sollten niemals irgendwo auf der Welt über solche Dinge schweigen. Wenn wir jemals etwas ähnliches gegen einen Juden, einen Chinesen, einen Inder, einen Afrikaner gerichtet sehen, müssen wir unsere Herzen öffnen und uns in ihnen sehen, wir müssen dieses Mitgefühl haben und es zu uns zurückbringen. Deshalb habe ich mich entschieden gegen die Militarisierung der Intifada ausgesprochen. Leider wurde mir Recht gegeben. Der Schaden, den sie verursachte, war größer. Aber auf der anderen Seite verlasse ich mich jetzt auf Freunde wie Chani, und alle jüdischen Menschen, mit denen ich arbeite. Jetzt ist es auch an der Zeit, nicht zu schweigen über das, was in Gaza und im Westjordanland geschieht. Wenn ich selbst ganz alleine als Frau etwas angefechtet hätte, wäre es hart.

Wir Frauen im Nahen Osten werden sehr an den Rand gedrängt. Ich öffnete meinen Mund, und ich war zweimal, dreimal täglich im Fernsehen und habe dieselbe Botschaft auf unterschiedliche Weise mit verschiedenen Stimmen vermittelt. Es ist also nicht zu viel verlangt, Unterstützung von den Juden zu erbitten, die ich kenne, wenn wir brauchen einander. Ich weiß, dass sie zu meinen Rechten stehen. Wir müssen ehrlich sein, wir müssen eine Botschaft der Gleichberechtigung als Menschen vermitteln, egal was passiert. Es schmerzt mich so sehr. Ein neugeborenes Mädchen wurde heute Morgen in Al Khali wurde getötet, wofür? Ich will die Zahl der getöteten israelischen Kindern nicht mit palästinensischen Kindern aufrechnen. Die Zahlen sprechen für sich. Für mich ist jeder einzelne heilig, ein kostbares Leben. Wir töten unsere Zukunft durch unsere eigenen Hände. Und es geht immer weiter, wobei eigentlich unsere beiden Religionen lehren, dass es genauso schlimm ist, einen Menschen zu töten wie ein ganzes Volk.

Das ist eine sehr kraftvolle Botschaft. Botschaft. Ahlam, sind Sie im Mittleren Osten aufgewachsen?

Ahlam: Ich bin in Nablus auf Mittelschulniveau aufgewachsen, in einer Mittelstandsfamilie.

Christlich oder muslimisch?

Ahlam: Muslimisch mit palästinensischem Erbe. Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich ging für eine Ausbildung nach Ägypten. Ich verließ das Westjordanland im Alter von 18 Jahren und seitdem gehe ich als Besucher zurück,. Meine ganze Familie ist allerdings immer noch da. Sie durchliefen den ganzen Besatzungsprozess. Ich besuche sie zwei- bis dreimal im Jahr und weiß genau, wie es sich dort anfühlt, was es bedeutet, besetzt zu sein.

Was bedeutet es, unter einer Besatzung zu stehen?

Ahlam: Es bedeutet, keine Kontrolle über irgend etwas in seinem Leben zu haben. Keine Kontrolle über das Wasser, keine Kontrolle über den Strom, keine Kontrolle über die Planung der Zukunft Ihres Kindes. Man vergräbt seine Hoffnungen, weil man weiß, dass man sie nicht erfüllen kann. Als Mutter schaut man auf sein Kind und will das Beste für es, aber man wagt nicht, über diese Träume und Hoffnungen zu sprechen, weil man Angst hat, dass es nicht passieren wird. Besetzt zu sein ist mehr als nur die physische Besetzung. Es geht über die physische Präsenz der israelischen Soldaten an den Kontrollpunkten hinaus. Einige von ihnen sind Idioten, denen es egal wäre, ob sie mich demütigen oder nicht, ob sie meine Mutter demütigen. Aber einige, einige wenige, sind anständig genug, mich als Mensch zu sehen.

Und darum geht es ja eigentlich, nicht wahr?

Ahlam: Am Ende des Tages geht es darum, wie Avraham Burg, ehemaliger Sprecher der Knesset, es einmal formulierte: „Glaubst du, dass palästinensische Kinder in unsere Restaurants kommen und sich in die Luft jagen, weil sie unseren Appetit verderben wollen? Nein, weil wir ihre Mütter an den Kontrollpunkten gedemütigt haben, wir ihre Häuser zerstört haben und wir sie ohne Hoffnung zurückgelassen haben.“ Davon gibt es endlose Geschichten. Ich weiß jedoch, wie wichtig es ist, zusammenzuarbeiten, weil ich weiß, dass es jüdische Menschen gibt, vor allem in der britischen Gemeinschaft, die genau das gleiche glauben. Genug ist genug und wir müssen weitermachen. Mir persönlich bedeuten politische Grenzen nichts mehr. Aber es liegt an den Leuten da drüben, zu entscheiden, was sie wollen. Ja, ich will eine Trennung, ich will zwei Staaten, aber ob dies jetzt realisiert werden könnte oder nicht ist eine andere Frage. Ich selbst werde immer wieder sagen – zu jüdischen Menschen und allen anderen überall – um Gottes willen, hilf uns, dies zu verwirklichen.

Ihre Beschreibung, was es bedeutet, unter Besatzung zu stehen, ähnelt der Erfahrung, die ich in meiner Arbeit mit Frauen auf der ganzen Welt gemacht habe. Ich kann durchaus Parallelen sehen. Viele Frauen fühlen sich in ihrer Heimat in den verschiedensten Kulturen und Gesellschaften auf die gleiche Weise gefangen, manchmal auch nur wegen ihrer persönlichen Umstände.

Ahlam: Palästinensische Frauen sind auf vielen Ebenen unter Beschlag genommen. Sie werden von einer Kombination aus Kultur und Religion vereinnahmt, dazu kommt die israelische Besazung – so geht dies kontinuierlich immer weiter.

Denken Sie, dass Frauen hier eine bestimmte Rolle spielen?

Ahlam: Definitiv.

Wie würden Sie dies beschreiben?

Ahlam: Ich glaube nicht, dass palästinensische Frauen dort objektiv sein können, weil man von den Umständen angeleitet wird. Frauen jubeln vielleicht erst einmal, wenn sie einen Sohn verlieren, aber das bedeutet nicht, dass es ein Zeichen des Glücks ist oder dass sie eine solche Tat fördern. Die Einsamkeit, die die Frau danach durchlebt, und die Leere, einen Sohn zu verlieren, unterscheidet sich nicht zwischen einem Palästinenser oder Juden oder einem Amerikaner oder einer anderen Frau auf der Welt. Palästinensische Frauen sind also nicht wirklich in der Lage, objektiv zu werten, denn die Realität des ständigen Leidens ist immer noch vorhanden. Einige wenige Glückliche, die es geschafft haben, eine Ausbildung zu erhalten, die es geschafft haben, das Land zu verlassen und im Ausland zu studieren, leiten nun die Frauenbewegung in Richtung Versöhnung, Frieden, Überwindung des Konflikt und Besatzung, an. Meiner Ansicht nach liegt dies in unserer Verantwortung, wir sind heute die Diaspora in der Welt. Die afrikanische Frau in Amerika, arabische und jüdische Frauen hier in Großbritannien etc. sind diejenigen, die etwas Wichtiges definieren und mit Wert versehen: unsere Identität bzw. unsere gemeinsame Menschlichkeit.

Wir können uns glücklich schätzen, denn am Ende des Tages gehen wir zurück in sichere Häuser, unsere Kinder sind in Sicherheit. Deshalb sollten unsere Stimmen für den Frieden lauter sein. Deshalb tragen wir mehr Verantwortung. Und wenn man bedenkt, dass das jüdische Volk sein Leiden und seine Erfahrung darüber mitbringt, was es bedeutet, etwas durchzumachen, erwarte ich, dass die Juden die ersten sind, die aufstehen und sagen: Genug ist genug. Ich meine, Israel existiert, ob es mir gefällt oder nicht, ob ich mit Israel Frieden schließe oder nicht, Israel existiert.

Ob ich dafür bin oder nicht spielt keine Rolle. Ich wünsche mir jedoch ein wenig Normalität für mein Volk, damit wir wie andere Menschen rational denken können. Normalität wie an das Wetter zu denken anstatt daran, was als nächstes passieren wird, werden mein Sohn oder meine Tochter sicher von der Schule zurückkehren oder werden sie getötet, vielleicht durch eine verirrte Kugel von einem verängstigten jungen israelischen Soldaten, der jetzt auch für den Rest seines Lebens dieses Leid aushalten muss?

Ich bin gegen jede Art Fundamentalismus. Im Moment schreibe ich über Frauen, Frauen, Frauen, Frauen. Aber ich arbeite an vielen verschiedenen Dingen. Ich habe über den Fundamentalismus auf beiden Seiten geschrieben. Ich habe über die Hamas geschrieben. Ich habe ihnen die Hölle heiß gemacht. Weil ich keine Form des Fundamentalismus akzeptiere, ob er nun von einem idiotischen Muslim oder von einem idiotischen Siedler kommt. Ich glaube nicht, dass Gott zwischen uns beiden unterschieden hat, als wir geboren wurden, wir alle haben Arme, Füße und Köpfe.

Was können Frauen dann in diesen Friedensprozess einbringen? Was würden Sie den palästinensischen Frauen sagen? Sie meinen, dass es ihnen schwerfällt, objektiv zu sein, weil sie tagtäglich in einer Konfliktsituation befinden, aber welche Botschaft wollen Sie diesen Frauen vermitteln?

Ahlam: Wir müssen über unsere Wurzeln hinauswachsen. Wenn wir die Zukunft unserer Lieben schützen wollen, wenn wir das, was von unserer Menschlichkeit, unserem Hab und Gut, unseren Kindern, unseren Dingen übrig bleibt, schützen wollen, dann müssen wir weise sein. Wir müssen verstehen, dass es eine neue Welt ist, und wir müssen über unser Leiden hinauswachsen, den anderen anerkennen und sein Recht auf Leben so akzeptieren, wie wir es für uns wünschen. Wir müssen über unsere Kultur hinauswachsen und aufhören, jegliches Töten zu verherrlichen. Aufzuhören, Dinge zu verherrlichen, die wir kennen, schmerzen uns. Und ich appelliere auch an die jüdischen Frauen. Hört auf zu denken, dass ihr Israel beschützt, indem ihr euren Sohn zum Militär schickt. Du beschützt Israel nicht. Im Gegenteil, man stärkt eine Schwächung, eine moralische Schwächung des Volkes, das einst für seinen Humanismus bekannt war.

Chani: Ich würde gerne etwas hinzufügen. Ich bin mit ungefähr 98% dessen, was Ahlam sagt, einverstanden und stimme ihr zu. Nur denke ich, dass die Situation sehr, sehr komplex ist und der Zusammenhang verloren geht. Ich möchte den Zusammenhang nicht vereinfachen, aber ich möchte ein paar widersprüchliche Dinge nennen, nur um die Komplexität zu zeigen. Wir haben also die Extremisten auf beiden Seiten.

Und ich beginne auf der israelischen Seite, weil ich denke, dass wir zuerst mit dem Übel in unserer Mitte umgehen müssen. Und ich denke, dass es in der israelischen Gesellschaft eine Gier existiert, die sich manchmal unter dem Namen der Sicherheit versteckt und in diesem Namen immer mehr Land von den Palästinensern beschlagnahmt und die Vorteile davon genießt. Dies ist ein echtes Übel ist, dem man entgegenwirken muss.

Auf der anderen Seite gibt es Extremisten auf der palästinensischen Seite. Als ich die Hamas-Charta las, bekam ich sehr, sehr große Angst. Ich bekam große Angst, als ich las, dass jemand sagt, er wolle alle Juden töten, sie hinter jedem Stein finden, hinter dem sie sich verstecken, und ich weiß, dass meine wirklich guten palästinensischen Freunde gegen die Hamas sind. Ahlam hat etwas dagegen verfasst. Heba, meine palästinensische Freundin, sagt, dass man der Hamas nicht einmal Beachtung schenken sollte, weil wir etwas so Schlimmes nicht ans Licht bringen wollen. Es gibt sie allerdings, sie existiert. Auf der einen Seite ist Israel den Palästinensern militärisch überlegen, keine Frage, aber auf der anderen Seite ist es ein kleines Land, umgeben von 200 Millionen Arabern, die uns alle nicht wohlgesonnen sind.

Wenn man also sagst: „Indem man sein Kind in den Militärdienst schickst, beschützt man Israel nicht“, ist es eine sehr komplexe Angelegenheit. Denn ja, wenn man die Besatzung unterstützt, schützt man Israel nicht, weil sie uns wirklich von innen zerstört. Ich bin besorgt über die Tatsache, dass sie uns als Israelis zerstört, aber ich bin auch sehr besorgt, dass sie das palästinensische Volk zerstört. Ich habe Interesse an diesem Volk, ich habe Freunde, palästinensische Freunde. Ich glaube, dass wir eine Verantwortung gegenüber dem palästinensischen Volk haben. Ich fühle mich wirklich verantwortlich für das, was wir mit unseren Cousins machen. In Israel sprechen wir immer von den Arabern als „unsere Cousins“. Dies verursacht ein Gefühl der Verbundenheit. Die ganze Sache ist also schrecklich.

Israel unterdrückt, tötet und bedroht andere Manchen, wird allerdings auch gleichzeitig selber bedroht. Es ist also eine sehr, sehr schwierige Sache zu wissen, wann man schützt und wann man aufhört zu schützen und anfängt zu unterdrücken. Diese Nuance will ich nicht aus dem Auge verlieren. Was in Gaza geschieht ist schrecklich, und ich denke, was Israel tut, macht es schlimmer. Aber es gibt auch die Provokation von 4000 Bomben, die in den letzten Jahren auf Sderot gefallen sind. Man kann nicht einfach sagen: „Schau dir die Zahlen an, schau, wie viel Leid es gibt.” Natürlich rechtfertige ich das nicht. Ich rechtfertige es nicht nur nicht, sondern halte es auch für eine sehr schlechte Herangehensweise. Deshalb habe ich gesagt, dass die Situation komplex ist. Ich glaube wirklich, dass das Militär nicht die Lösung ist. Es löst nichts und macht es viel, viel schlimmer. Und es verursacht ungeheures Leid auf beiden Seiten.

Meiner Ansicht nach ist „Herzen öffnen“ ein sehr gutes Bild. Wir erzählten uns gegenseitig unsere Geschichte, und als ich von Heba, meiner palästinensisch-libanesischen Freundin, hörte, dass ihre Familie bei der Gründung des Staates Israel zu Flüchtlingen wurde und ihre gesamten Familie aufgesplittet wurde und sich über die ganze Welt verteilte und sich nie irgendwo zu Hause fühlte, konnte ich das wirklich nachvollziehen. Es hat mich bewegt. Die Geschichte ging mir tagelang nach und sie hatte wirklich solche Ähnlichkeit mit meiner eigenen Familiengeschichte, von Enteignung, von Exil, von Demütigung. Ich denke, wenn wir erkennen, wie ähnlich das Leiden ist, und wir dieses Leiden nicht unterdrücken, geschieht etwas Wichtiges, obwohl es eigentlich sehr schwierig sein kann, es auszusprechen.

Meiner Meinung nach beweisen die Menschen im Parents Circle Family Forum sehr viel Mut, ihre Geschichten miteinander zu teilen. Ich fühle mich im Moment tatsächlich am Rande der Tränen, weil ich noch einmal an Heba und ihre Geschichte denke, und an das, was die Familie von Ahlam im Moment im Westjordanland durchmacht. Und es ist schrecklich, und es sollte nicht zugelassen werden, dass es passiert.

Sind die Männer, mit denen Sie arbeiten, besonderen Herausforderungen ausgesetzt? Haben Männer besondere Probleme? Macht ihre männliche Identität oder ihre Ehre oder ihre Rolle als Familienoberhaupt es ihnen schwerer, den Weg der Versöhnung und der Friedensschließung zu gehen?

Chani: Ja, ich denke, dass Frauen etwas haben, ich denke, Frauen verbinden sich mehr miteinander, es ist einfacher für Frauen…

Ahlam: Ich denke, es ist schwieriger. In den letzten sechs oder sieben Monaten habe ich meine Energie anders ausgerichtet, weil ich selbst vom Konflikt so erschöpft und ausgelaugt war, und ich begann, die Wurzeln hinter allem zu suchen, ich begann, mich in die Religion zu vertiefen. Wenn ich mir die Rechte der Frauen in der Religion ansehe, stelle ich fest, dass dies ein sehr großes Hindernis für weitere Fortschritte darstellt. Deshalb finde ich, dass die Herausforderungen für Frauen viel schwieriger sind.

Weil sie nicht befugt sind, Entscheidungen zu treffen?

Ahlam: Nicht nur das. Wir Frauen sind von innen heraus stark, aber wie setzt man diese Kraft in die Tat um? Wie kannst du das Ego deines Mannes kontrollieren, ihm sagen, dass er sich irrt, und so weiter? Wie kannst du die Menschlichheit zurückgewinnen? Bei einem Abendessen habe ich einmal einen Diplomaten getroffen, und ich sprach über die gerechte Verteilung des Reichtums im Sinne der Schaffung von Arbeitsplätzen, und ich beschuldigte die Golfstaten, warum sie nicht etwas tun, um Arbeitslose aufzunehmen, mehr Gerechtigkeit zu schaffen und so weiter. Das war nach dem ersten Golfkrieg. Der Diplomat antwortete: „Wie viele Männer begehen nach dem Verlust ihres Vermögens Selbstmord? Es sind viele. Wie viele Männer begehen nach dem Verlust ihrer Söhne Selbstmord? Keine.“ Es bedeutet nicht, dass ein Mann weniger Gefühle als eine Frau besitzt, aber seine Denkweise über Tragödien ist anders, für die Frau ist sie von innen heraus. Meiner Meinung nach besitzt man als Frau diese Bindung, diesen Nabelschnur. Sie wurde durchtrennt, aber sie ist wirklich nicht ganz durchtrennt worden.

Deshalb ist eine Frau besser in der Lage, Frieden zu schließen, wenn ihr die richtigen Umstände gegeben werden, wenn man Frauen befähigt, indem man ihnen Schutzes vermittelt, und hier kämpfen die palästinensischen Frauen wirklich an allen Fronten. Sehen Sie sich nur den Prozentsatz der gebildeten Frauen an. Ich habe so viele Frauen im Westjordanland getroffen und mit ihnen gesprochen, und sie wissen, was ich tue, und sie respektieren es, und sie sagen: „Wir hoffen“. Sie wollen, dass ihre Botschaft die israelische Öffentlichkeit erreicht, dass sie bereit sind zu vergessen, zu vergeben und weiterzumachen.

Aber zurück zu Ihrer Frage: die neue Ära muss sich darauf konzentrieren, Frauen zu stärken. Wenn es darum geht, mein Kind zu verletzen, habe ich kein Ego, ich schere mich einen Dreck um meine Würde. Wenn es darum geht, meinen Sohn oder meine Tochter zu beschützen, ist es mir egal, ich werde meinen Stolz schlucken. Aber ein Mann tut das nicht. Vielleicht liegt es an der Art und Weise, wie wir erschaffen wurden. Deshalb müssen wir das Gleichgewicht ändern, wir brauchen Frauen an Orten der Macht und Entscheidungsfindung.

Finden Sie, dass immer mehr Männer bereit sind, zuzuhören, was Frauen zu sagen haben, oder stehen Sie immer noch vor verschlossenen Türen?

Ahlam: Vor ein paar verschossenen Türen. Ich schreibe Artikel in arabischen Zeitungen und erhalte alle möglichen Kommentare, ungefähr 60 Kommentare innerhalb von sechs Stunden. Manche Frauen schreiben: “Du solltest lebendig begraben werden!” Aber es gibt ein paar Männer, die die Themen loben, die ich darlege, wie ich für die Rechte der Frauen und die Menschenrechte für alle eintrete etc.. Es gibt ein paar – diejenigen, die klug genug sind, die Bedeutung von Frauen zu erkennen. Wir sollten wir nicht bestreiten, dass ein Mann aus Liebe bereit für Veränderung ist. Man muss die Gesellschaft neu formen. Man muss in den Familien anfangen, Frauen in ihrer Familie zu stärken, um gehört zu werden.

Was waren Ihre herausragendsten Momente? Wir haben über einige der Schwierigkeiten und Herausforderungen gesprochen. Aber was ist mit Momenten, in denen man wirklich das Gefühl hatte, dass etwas passiert ist und etwas funktioniert hat, dass man in der Zusammenarbeit einen Unterschied gemacht hat?

Chani: Ursprünglich dachte ich, dass Ahlam und ich eine andere Einstellung haben, besonders in Bezug auf die Vergangenheit. Wir haben eine sehr starke, unerschütterliche Bereitschaft, einen gemeinsamen Beitrag für eine ähnliche Zukunft zu leisten. Wann immer ich allerdings Ahlam oder einem meiner arabischen Freunde zuhöre, fühle ich mich immer etwas unwohl, und das ist für mich sowohl der schwierigste als auch der beste Moment. Dieses leichte Unbehagen ist für mich das wichtige Thema ist. Weil die Situation sehr komplex ist. Wir müssen an dieser Komplexität festhalten und uns ihr stellen. Wenn wir uns ihr gemeinsam stellen, jedes Mal, auch wenn in Konflikt mit meinen Handlungen gegenüber stehe, fühle ich mich in meinen menschlichen Bindungen, meinen persönlichen Bindung bestärkt, weil ich weiß, dass wir zusammen leiden. Für mich geht es um die Fähigkeit, diese schwierige Situation mit Menschen zu teilen, die sich auf der anderen Seite befinden – aber sich nicht auf der anderen Seite zu befinden, sondern auf der gleichen Seite zusammen zu sein.

Vielleicht ist es eine seltsame Antwort auf Ihre Frage, denn es ist kein besonderer Moment im Sinne von „alles in Ordnung ist“, es ist ein besonderer Moment im Sinne von „alles ist schrecklich, aber wir sind zusammen, und wir stehen dies gemeinsam durch“. Das wird uns nicht davon abhalten, diese Botschaft weiter zu verbreiten, dass es auf der anderen Seite Menschen gibt, die leiden, und wir müssen die Verantwortung für unseren Teil an ihrem Leid und unseren Teil an unserem eigenen Leid übernehmen, und wir tun es auf beiden Seiten gleichzeitig.

Unsere wachsende Freundschaft ist für mich das Wichtigste. Als ich Ahlam zum ersten Mal traf, war sie „die Palästinenserin mit dem arabischen Akzent” mit einer Familie, die Verbindungen zu etwas hat, das meine eigene Identität bedrohen könnte. Ich bin sicher, dass es für Ahlam mit dem, was ich als Israeli vertrete, umso heftiger war. Und doch ist das die Realität, und wir ziehen uns nicht bequem auf unserer eigenen Seite und unserer eigenen Selbstgerechtigkeit zurück und stellen uns Böses vor, denn das Böse gehört ausschließlich auf die andere Seite, und wir sind okay, aber eigentlich sind wir nicht okay. Wir tun Dinge, die falsch sind, und die Tatsache, dass wir es sagen können und uns nicht auflösen, und die Tatsache, dass ich sagen kann, dass wir Dinge falsch machen, bedeutet nicht, dass wir uns auflösen sollten.

Was haben Sie von Ahlam gelernt?

Chani: Was ich von Ahlam gelernt habe? Es ist wirklich ihre Menschlichkheit. Es ist nicht so viel Lernen auf intellektueller Ebene, es ist eine Art Aufnehmen, Ahlam lebt jetzt in mir, sie ist jetzt ein Teil von mir. Heba ist jetzt ein Teil von mir. Sie sind ein Teil von mir. Ich trage sie und ihr Wohlbefinden und das Wohl ihrer Familie in mir.

Das macht dich in gewisser Weise zu einem größeren Menschen, ich rede von der Größe der Seele.

Chani: Wenn es Hoffnung gibt, ist es einfacher, den Schmerz der Situation zu ertragen. Vielleicht ist eine bessere Antwort auf Ihre Frage, dass ich mehr als alles andere gelernt habe, dass es Hoffnung gibt. Denn wenn wir zusammenarbeiten können, und zwar nicht nur mit Ahlam, sondern auch mit Menschen wie Robi und Ali, die direkt gelitten haben und an der Hoffnung festhalten, denke ich, wenn man an der Hoffnung festhalten kann, dass man nicht deprimiert bleiben kann. Ich habe viele israelische Freunde, sie sind alle sehr links und sehr gegen die Besetzung, aber sie sind alle verzweifelt und wie gelähmt. Sie können nichts tun. Ich sage ihnen immer: Ihr wisst, ich bin nicht verzweifelt, ich bin nicht verzweifelt, ich bin sehr besorgt, aber ich habe Hoffnung, weil ich mit meinen Kollegen zusammenarbeite..

Ahlam: Die wichtigste Sache, die wir beiden Völkern gegenüber betonen müssen, ist, dass wir den Teufel in unserem eigenen Herzen zum Schweigen bringen müssen, dieser sagt: „Ich bin der Einzige. Ich habe das ausschließliche Recht an dem Land und an Gott.“ Ich bin nicht der Einzige, ich glaube, dass Gott das Land für all sein Volk geschaffen hat, und der andere Mensch ist nicht weniger oder mehr wert als ich als Mensch. Noch einmal, ich möchte, dass diese andere Person genau das Gleiche sagt und mich mit dem Respekt behandelt, den ich als Mensch verdiene.

Und wenn Sie das nicht macht? Sind Sie dann immer noch in der Lage, dieser Einstellung treu zu bleiben?

Ahlam: Wenn sie es nicht macht, können sich Momente der Verzweiflung einstellen, dann kann es Momente geben, in denen ich mich mies fühle, besonders in meinem Umfeld, in denen ich das Gefühl habe, dass ich von beiden isoliert bin. Es gab Zeiten, in denen ich mit jüdischen Gemeinden sprechen musste, und ich war ehrlich und viele Leute mochten meine Ehrlichkeit nicht. Dennoch musste ich die Tatsachen aussprechen. Das bedeutet nicht, dass ich keinen Frieden will,oder dass ich nicht an den Frieden glaube. Wir müssen den Dialog am Laufen halten. Miteinander reden. Aufeinander zugehen. Dann gehe ich zurück in mein Umfeld und fühle, dass ich ganz allein bin. Glauben Sie mir, diese Momente sind wirklich schrecklich, wenn man sich ganz unten und sich verloren und leer fühlt.

Wie kommen Sie aus diesem Tief heraus?

Ahlam: Wie ich aus diesem Tief herauskomme? In diesen Momenten stelle ich mich der Herausforderung, tanke Energie und sage mi: „Niemand wird meine Meinung über diesen Weg zum Frieden ändern“, und ich mache einfach weiter. Ich fühle mich verantwortlich, ich bin ein privilegierter Mensch, und deshalb sollte ich weitermachen, denn es gibt diejenigen, die nicht so viel Glück hatten wie ich. Und ich weiß, dass ich ohne die Kraft von Chani und den anderen, all diesen Menschen hier um mich herum mit ihren Stärken nicht in der Lage wäre, meinen Glauben an die Sache wiederherzustellen.

Es ist ein Kampf. Ich kann nicht leugnen, dass es Zeiten gibt, in denen es ein ständiger Kampf in mir selbst, in meiner Seele ist. Es gibt Momente, in denen ich Gott anrufe. Wenn ich allerdings irgendeine Hoffnung habe, ist es die Hoffnung, dass ich mich nicht für politische Grenzen interessiere, die Menschlichkeit steht für mich an erster Stelle. Es besteht die Hoffnung, dass diese beiden Völker in Würde und Respekt zusammen leben. Es geht also darum, den Teufel in unseren Herzen zum Schweigen zu bringen, das heißt, ich besitze die Exklusivität der Wahrheit. Und um zu fragen, was Wahrheit ist, was Realität ist. Ich akzeptiere bereitwillig die Tatsache, dass ich die Uhr nicht zurückdrehen kann, weil ich nicht will, dass eine andere Person das gleiche Leiden erleidet und bereitwillig weitermacht.

Chani, möchten Sie noch etwas zum Thema Versöhnung und Vergebung sagen?

Chani: Ja. Ali wurde in einem Gespräch nach Vergebung gefragt, das er letztes Jahr in Wimbledon hielt, als er und Robi hier waren, und er sagte: „Vergebung ist die höchste Ebene des Prozesses, in dem wir uns befinden. Ich bin nicht bereit zu verzeihen, aber was wir jetzt tun können, ist uns zu versöhnen. Lasst uns tatsächlich der Wahrheit gemeinsam ins Auge sehen, die Wahrheit annehmen, den Schmerz eindämmen, und vielleicht könnte dieser Weg, der mit Ehrlichkeit und Versöhnung beginnt, irgendwann Frieden bringen, und wenn es Frieden gibt, können wir Vergebung haben. Aber zuerst gibt es Versöhnung, dann Frieden, dann Vergebung.“ Ich weiß, dass viele Holocaust-Opfer das Gleiche sagen. Wir können nicht vergessen und wir können nicht vergeben. Aber wir können einen Weg finden, uns mit den Deutschen zu versöhnen. Wir können um der Zukunft willen einen Weg finden, um gemeinsam voranzukommen. Weil es so schmerzhaft ist.

Meinen Mann habe ich in Deutschland kennengelernt, in einem jüdisch-christlichen Bibelseminar, das eingerichtet wurde, um zu Versöhnung zwischen Juden und Deutschen beizutragen, es ging um die Beziehung zwischen Religionen, aber eigentlich ging es um Juden und Deutsche. Es ist immer noch ein schwieriges Thema. Vielleicht ist die nächste Generation in der Lage, Dinge zu tun, die der traumatisierten Generation schwer fällt. Deren tiefen Narben müssen anerkannt werden. Wenn ein Palästinenser sagt: „Ich will nicht in Tel Aviv Fuß fassen, denn ich werde in jedem jungen Mann einen israelischen Soldaten sehen2, verstehe ich, woher das kommt. Ich hoffe nur, dass wir einen Weg finden können, den Palästinensern zu helfen, ihre Freiheit zu erlangen, ihnen zu helfen, ihr eigenes Land, ihre Gleichheit, ihre Würde, all die Dinge, über die wir sprechen, zu haben. Und wenn wir unseren Teil dazu beitragen, den Palästinensern eine bessere Zukunft zu bringen, kann vielleicht in zwei oder drei Generationen ihr Trauma beginnen zu heilen. Wir müssen es für die Zukunft tun.


Ein Treffen des Parents Circle Families Forum
Die jüdischen und palästinensischen Opfer kommen zusammen. Sie brauchen viel Wohlwollen, sie brauchen viel Verständnis. Man kann nicht einfach sagen: „Vergiss die Vergangenheit, mach weiter, schau vorwärts.” Der Schmerz ist da und tut weh, er tut ständig weh. Aber um der Zukunft willen muss man den Schmerz eindämmen und versuchen, etwas zu tun.

Weitere Informationen über die Arbeit des FBFF finden Sie auf der Webseite www.FamiliesForum.co.uk

Die Herzen öffnen: eine Botschaft der Menschlichkeit